Baubeschrieb Haus Dedoroy

Mit dem Haus Dedoroy in Bacolod, Philippinen zeigt Ralph Schnyder, diplomierter Architekt der ETH Zürich, wie sich in den Tropen modern leben lässt. Im Gegensatz zu den klimatisierten Touristensilos oder romantischen Bambushütten berücksichtigt des aus Stahl und Beton gebaute Zweifamilienhaus das Spiel von Sonne, Wind, Regen und klarem Nachthimmel, um jeden Tag zum Erlebnis zu machen.

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Fotoalbum

Das Leben im tropischen Klima in den Philippinen hat seine Reize aber auch seine Tücken. Brennende Mittagssonne, stürmische Gewitter und laue Nächte unter klarem Mondschein bieten viel Erlebnispotential. Die Temperatur bleibt das ganze Jahr zwischen 18 und 28 Grad Celsius, sodass weder Heizung noch Klimaanlage notwendig wären. Die Funktionen der Gebäudehülle sind dadurch ganz anders als in der Schweiz. Leider werden in den Philippinen, mangels besseren Vorbildern, massenweise teure Häuser gebaut, die nur mit Einsatz von energiefressenden Klimaanlagen bewohnbar bleiben. Das Haus Dedoroy entstand aus den jahrelangen Erfahrungen und konsequenter Berücksichtigung der klimatischen Zyklen wie auch der Lebensweise der Bewohner.

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Der Kern und die Schale

Im Grundriss ist das Haus wie eine Frucht aufgebaut.

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Der innerste Kern bildet der intimste Bereich, das Badezimmer. Der fensterlose Raum entspricht dem Bedürfnis der Bewohner hier geschützt und von der Umwelt abgeschirmt zu sein. Dusche und moderne WC und Waschbecken sorgen für einen heute üblichen Standard.

Um den Kern sind die Schlafzimmer im Südosten und das Wohn- und Esszimmer im Nordwesten angeordnet. Wände und Decken sind aus Beton und Stahl gebaut, sodass weder Wasser noch Insekten die Struktur zerstören können.




Das feuchte und warme Klima macht die winzigen Ameisen zu den grössten Feinden für jedes organische Material. Holz und Bambus werden als Futtermittel interpretiert und nach sieben Jahren bleibt nur noch die papierdünne Farbschicht übrig. Beton und Stahl sind hingegen ungeniessbar und damit wesentlich haltbarer, wenn sie richtig verarbeitet und behandelt werden.

Die Membrane zwischen Innen und Aussen muss die direkte Sonnenstrahlung abhalten, den Schlagregen zurückweisen und den Mücken und Insekten abends den Zutritt zur anziehenden Lichtquelle verweigern. Ein frischer Wind und das Licht des Tages soll hingegen die Wohn- und Schlafräume ungehindert erfüllen können. Je nach Tageszeit, Wetter und Sonnenstand ist das eine oder andere wichtiger, sodass die Membrane anpassbar sein muss. Die in der Schweiz sinnvollen Glasfenster-Flügel sind dazu ungeeignet, da sie die Sonnenstrahlung ungehindert hereinlassen, den Wind aber abhalten und beim ersten Gewitter nass und damit sichtbar schmutzig werden.




Eine gute Lösung fand sich in der Form von Schiebewänden und Schiebeläden mit Aluminium-Lamellen und zusätzlichen Mückengittern. Die silbrigen Lamellen reflektieren das direkte Sonnenlicht und füllen den Raum mit einer gedämpften Helligkeit. Die Abstände der fest montierten Lamellen wurden von unten nach oben zwischen null und 60mm kontinuierlich verändert. Dies sorgt dafür, dass im unteren Bereich, wo der stärkste Schlagregen auftrifft, kein Wasser eindringt und oben viel Luft und Licht hindurch kommt. Auch führt dies dazu, dass man im innern durch den Blickwinkel und die Schräge der Lamellen von unten bis oben einen fast gleichbleibenen Schlitzraster sieht.





Der Übergang zum Garten bildet ein Vordach. Im Parterre schafft dies eine Zone, die tagsüber den Wohnbereich durch die offenen Schiebewände in den Garten erweitert. Ein Wellblech-Vordach im Wohn- und Essbereich wie auch beim Treppenaufgang schützt den Bereich vor Regen und Sonne. Die Aussenküche auf der Südseite und das Treppenpodest auf der Nordseite bilden wichtige Lebens- und Arbeitsräume. Der Bodenbelag aus Zement-Pflastersteinen kennzeichnet diese Zone. Eine Drainage abgedeckt mit runden Flusskieseln begrenzt die Vordachzone und schafft den Übergang zum Naturboden und Garten.



Im Südost-Bereich und oberen Geschoss ist das Vordach ein 60cm breiter, flacher Betontrog, der den Schlagregen abhält und Platz für eine Magervegetation bietet.

Das Flachdach aus Beton speichert die Kühle der Nacht mehrere Stunden in den Morgen hinein und kann tagsüber während der heissesten Stunden bewässert werden. Eine zusätzliche Beschattung des Daches ist vorgesehen.


Privaträume und der öffentliche Bereich

Eine massive Mauer trennt das Haus in zwei Bereiche: auf der Südostseite der ruhige in einen ummauerten Innenhof gerichtete Privatbereich und auf der Nordwestseite der zur Strasse, zum Garten und zur Werkstatt gerichtete halböffentliche Wohnbereich.

Der Privatbereich weist geschlosse Ecken auf und Maueröffnungen, die vom Boden bis (fast) zur Decke reichen. Die Öffnungen können mit aussenliegenden Lamellen-Schiebeläden geschlossen werden. Insektengitter halten auch bei offenen Läden die Plaggeister draussen. Die grossen Öffnungen sorgen dafür, dass einerseits die Bananenstauden im Hof wie Zimmerpflanzen wirken. Zudem lassen sie viel Luft herein und die Kühle des Nachthimmels tief ins Zimmer dringen.
Die Lamellen sind soweit auseinander, dass sie die ersten Sonnenstrahlen, welche zwischen den Bananen und Palmenblätter durchscheinen streifenweise durchlassen, aber später wenn die Sonne langsam heiss wird nach und nach "schliessen" und am Schluss nur noch die paar obersten Schlitze als feine Linen den Sonnenstand auf der weissen Mauer markieren.




Der Wohn-, Ess- und Kochbereich betont mit den offenen Ecken und den breiten Schiebewänden, dass das Leben normalerweise draussen stattfindet. Unter Palmen ist es tagsüber nach wie vor am angenehmsten, aber durch die offenen Schiebewände bleibt der ganze moderne Komfort verfügbar. Ob Sofa, Fernseher oder Radio, man braucht nichts hin und her zu schleppen, sondern hat es drinnen und draussen zur Verfügung. Das macht nicht nur das Leben bequem, sondern schont auch das Material.
Der Sichtkontakt bis zur Strasse und Werkstatt bietet eine Transparenz und Übersicht, welche Sicherheit und Zusammenhängigkeit schafft. Der Treppenpodest mit dem Aufgang zum oberen Stock ist der Treffpunkt und Kommunikationspunkt zwischen den Bewohnern und Gästen des Hauses. Ohne sich von der Familie auszugrenzen kann man draussen sitzen, ein Bier trinken und den Abend geniessen, während "drinnen" eine der langweiligen Soaps im TV läuft.




Die Schiebewände können nachts und bei Gewittern geschlossen werden, um die lästigen Insekten und den Regen abzuhalten. Die Mückengitter sind, im Gegensatz zum Schlafbereich, fest auf den Schiebewänden auf der Aussenseite der Lamellen montiert.


Bauen mit Hand-Werkern

Das Konzept wäre bloss schöne Theorie, wenn es nicht gebaut würde. Die Bauorganisation und der Bauablauf erwies sich als ein erstaunlich unkomplizierter Prozess, der jedoch kaum mit der Schweiz vergleichbar ist.

Die Bauleitung vor Ort wurde Nimrod Orcena, einem Bauingenieur aus Bacolod übertragen. Seine Aufgabe umfasste die Erstellung der Ausführungspläne und statischen Berechnungen, aber auch die Organisation der Arbeiter und den Einkauf der Materialien. Während die Zeichnungen bis zur Fertigstellung des Hauses noch nicht vorhanden waren, funktionert die Bauleitung mit dem Vorarbeiter und einer gut motivierten Mannschaft sehr gut.

Innerhalb von nur drei Monaten entstand in rund 1'000 Arbeitstagen das Haus mehr oder weniger genau gemäss den Plänen des Architekten. Die Fertigstellung und Ausführung der Details leitetet Ralph Schnyder in den letzten vier Wochen persönlich. Die Einhaltung eines hohen Qualitätsstandards und der architekonischen Idee bis ins Detail konnte so sichergestellt werden.
Die lockere Einstellung der Arbeiter machte den Ablauf sehr angenehm. Kritik und Bemängelung der soeben gemachten Arbeit wurden nie persönlich aufgefasst. War eine Platte nicht gerade, so wurde sie halt wieder weggenommen und neu verlegt, war ein Loch am falschen Ort, so macht man halt ein weiteres, kein Problem. Mit Plänen zu arbeiten ist allerdings offenbar nicht üblich, so musste man alles vor Ort mit Händen und Füssen und Perspektivskizzen Schritt für Schritt erklären.


Mit technischen Hilfsmitteln ist man sehr zurückhaltend. Der Bau-Schreiner sägte mit dem Fuchsschwanz auch die dicksten Bohlen präzise aufs Mass und sang leise eine Melodie dazu. Erst beim Bearbeiten der Oberfläche liess er sich nach einiger Überzeugung dazu überreden den Handhobel gegen die Hobelmaschine einzutauschen. Betonmischer und Schubkarren waren kein Thema; Sand und Kies wird auf dem Kopf in Zementsäcken transportiert, zum Mischen reicht eine Schaufel auch.

Selber machen ist grundsätzlich immer der bessere Weg. Ob Betonplatten oder Gitterrost, alles lässt sich machen. Die Arbeitskosten sind im Vergleich zum Material oder Werkzeug so tief, dass dies absolut Sinn macht. Die Präszision kann allerdings manchmal nicht ganz mithalten.

Wie überall in Asien gibt es grundsätzlich kein Nein. Alles lässt sich beschaffen oder herstellen.

Die Baukostenabrechnung funktionierte nach dem einfachsten und besten Prinzip: Geliefert wird nur gegen Barzahlung oder Anzahlung bei grösseren Bestellungen und die Lohnkosten werden jeden Samstag für alle Arbeiter in bar beglichen. Damit hat man jede Woche den genauen Kostenstand, einfach, genial.
Beeindruckend war die Übereinstimmung mit der Kalkulation. Je nach Position stimmte die Abrechnung aufs Prozent genau mit der Kalkulation überein.





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P.S. Die obere Gästewohnung ist übrigens zu mieten. Reservation bei Jane unter 0041 61 981 54 08 oder direkt bei Bebing unter 0063 34 444 2559.